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Das Dampfboot-Museum in Windermere

ür das Jahr 1999 hatte meine Familie beschlossen, den britischen Inseln einen Besuch abzustatten. Schon im Vorfeld hatte ich mich damit abgefunden, dass das Hobby Modellbau in Großbritannien vermutlich zu kurz kommen werde, da ich lediglich Strände am Meer, wenige Flüsse und keine Seen erwartet hatte. Aber wer kennt schon Großbritannien im Detail? Nach der Unterquerung des Ärmelkanals per Eurotunnel startete unsere Expedition in Cornwall, einer Grafschaft, die für Modellbauer nur wenig zu bieten hat. Zu finden sind hier einige Dampfeisenbahnen, in Portsmouth ein großes Marinemuseum, in dem die HMS „Warrior“ und die HMS „Victory“ ausgestellt sind und viele Galionsfiguren. Der in den Gebäuden untergebrachte Museumsteil ist eine einzige Enttäuschung. Einige Kilometer weiter westlich befindet sich ein U-Boot-Museum, das mich nicht weiter interessierte. Modellbootgewässer hatten hier Fehlanzeige.

Weiter ging es nach Wales. Die Landschaft wurde interessanter, einige Fischkutter kamen hinzu. Hochinteressant waren die Schmalspureisenbahnen (Great Little Trains of Wales), mangels See hatte das mitgebrachte Modellboot noch immer kein Wasser unterm Kiel gehabt. Im Norden von Wales, bereits auf dem Weg Richtung Schottland, änderte sich das Bild, in den höheren Gebirgslagen findet man die ersten Seen, nach mehr als 1.500 km wurde die „Commodore“ erstmals auf dem Bala Lake ins Wasser gelassen. Weitere interessante Boote oder Schiffe wurden nicht gefunden. Ich hatte schon resigniert zur Kenntnis nehmen wollen, dass keine Reportage für die „ModellWerft“ entstehen würde.

Beim genaueren Studium der Karte im westlichen Teil Englands, kurz vor Schottland, wurde der Windermere Lake District mit weiteren großen und kleinen Seen, ähnlich der schwedischen und finnischen Seenplatte, gefunden; eingezeichnet waren Salondampfschiffe im Linienverkehr, ein Lachen kam mir über das Gesicht. In Windermere am Windermere angekommen, wurden die Kanus vom Caravan heruntergehoben, und es wurde der See erkundet. Neben normalen kleinen Linienschiffen waren zwei Salondampfschiffe auf dem See auszumachen. Dann ertönte das Tuten einer Dampfpfeife. Mein Blick wanderte über den großen See, und in einiger Entfernung war schemenhaft ein Dampfboot auszumachen. Am Ufer wieder angelangt, wurde eine exaktere Karte genauer studiert und in direkter Nähe unseres Campingplatzes ein Dampfbootmuseum ausgemacht. Natürlich hatte ich nichts besonderes erwartet, ein oder zwei Dampfboote, vielleicht eine Dampfmaschine, aber ich war neugierig geworden.

Am nächsten Morgen um sieben Uhr wurde ein Kajak zu Wasser gelassen. Zunächst steuerte ich die Reede der großen Salondampfschiffe an. Ganz nett lagen Sie an einem Steg festgemacht, mit dem Kajak konnten die Details genauer in Augenschein genommen werden. Der Bug hatte große Ähnlichkeit mit einem überdimensionierten Indianerkanu. Weiter ging es zum Dampfbootmuseum. Es bestand aus einem überdachten und einem Freilichtteil. Der Freilichtteil bestand aus einer Steganlage mit etwa zehn vertäuten Dampfbooten, deutlich erkennbar am hohen Schornstein. Verschiedene Bauformen waren zu finden, darüber hinaus eine große Yacht und ein Arbeitsdampfschiff. Der Anblick der wunderschön restaurierten Dampfboote war einzigartig, das ruhige Wasser und die tiefstehende Sonne eines wunderschönen Morgens taten ihr übriges.

Die Dampfboote im Freilichtteil hatten mich neugierig gemacht, gegen Mittag wurde per pedes das Dampfbootmuseum erkundet. In mehreren Hallen waren Ruderboote, Rennboote, Bootsmotoren, Dampfmaschinen und Unmengen von Dampfbooten untergebracht. Die Rennboote wurden fast ausschließlich in Windermere gebaut und gefahren und erreichten eine Geschwindigkeit von fast 180 km/h. Während die Rennboote mit ihrem Anstrich und ihrer Schnittigkeit glänzen, ist der Anblick der Dampfboote überwältigend.

Das älteste ausgestellte Dampfboot stammt aus dem Jahre 1850. Es ist fast 12 m lang und verfügt über eine Einzylinderdampfmaschine. Das Besondere dieses Bootes ist, dass es 1962 nach dem Aufspüren durch Taucher gehoben wurde. Gute Materialien und Umgebungsbedingungen haben das Boot vor der Zerstörung durch Wasser bewahrt. Es wurde grundlegend renoviert. Interessant ist, dass selbst die Dampfmaschine nach einer gründlichen Reinigung wieder funktionsfähig war, nur der Kessel musste ausgetauscht werden. Die „Dolly“ ist heute wieder vollständig fahrfähig und wunderschön anzusehen.

Das zweitälteste Dampfboot ist eine große Yacht aus dem Jahre 1896. Das Dampfboot „Esperance“ hat eine Länge von fast 20 m und erreicht eine Geschwindigkeit von fast 20 km/h. Auch dieses Exemplar ist gesunken, wurde aber umgehend wieder gehoben.

Weitere Dampfboote sind nur wenig jünger. Die „Bat“ stammt aus dem Jahre 1891 (zirka 9 m lang), die „Lady Elizabeth“ aus dem Jahre 1895 (zirka 6 m lang), die Aufzählung endet erst nach 16 Dampfbooten, das letzte aus dem Jahre 1907. Alle sind in hervorragendem Zustand und wunderschön anzusehen. Der Blick auf die Dampfmaschinen ist fast bei jedem Boot frei.

Aber die Dampfboote stehen nicht nur zum Anschauen bereit. Man kann auch selbst in den Salonsesseln Platz nehmen und sich von einem Steuermann über das Windermere fahren lassen. Selbstverständlich wird während der Fahrt eine frisch gebrühte Tasse Tee gereicht. Damit ist aber noch lange nicht Schluss. In der überdachten Halle ist ein Rennboot aus dem Jahre 1922 zu finden, es ist die „Canfly“ mit einer Länge von fast 9 m. Auch dieses Rennboot ähnelt wesentlich der schnittigen Kanuform der Dampfboote. Ein 7,4-l-Motor mit sechs Zylindern bringt dieses Boot auf fast 50 km/h.

Und was hat das alles mit Modellbau zu tun? wird sich der Leser fragen. Auf der einen Seite sind Dampfboote im Modellbau auf dem Vormarsch, nur die Vorbilder sucht man häufig vergebens, auf der anderen Seite bietet das Windermere eine hervorragende Basis für den Schiffsmodellbau. Alljährlich findet ein großes Modellbauertreffen am Windermere statt. Die Fotos von derartigen Veranstaltungen vergangener Jahre zeigen einzigartige Schiffsmodelle, natürlich nicht nur Dampfboote. Neben dem Windermere bietet ein groß angelegter Modellbootteich mit guten Vorbereitungstischen die Gelegenheit, seinem Hobby zu frönen. Wer erst in Windermere Spaß an Modellbooten oder speziell den Dampfbooten gefunden hat, kann sich mit Kartonmodellbaubögen, aber auch mit umfangreichen Modellbauplänen versorgen. Einige der nach Plan erstellbaren Modellboote sind in den Hallen ausgestellt. Im Gespräch mit dem Museumsleiter wurde mir mitgeteilt, dass sehr häufig Modellbauer auch aus Deutschland mit ihren Modellbooten in Windermere erscheinen und ihre Modellboote den Gästen vorführen. Neben den Modellbooten mit Maßstäben jenseits von 1:1 bringen häufig auch 1:1-Kapitäne ihre Dampfboote auf einem Trailer mit zum Windermere und erkunden den See.

Wer Interesse an Dampfbooten, Dampfmaschinen und Dampfeisenbahnen hat, wird sich in Englands Nordwesten und in Wales sattsehen können und über die hohen Preise für Benzin und Diesel (über 2,40 DM/l), die Bier- und Whiskypreise und die allgemein viel zu hohen Preise hinwegsehen. Ich kann den Großbritannientourern dieses Museum nur wärmstens empfehlen.