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Von Mallen, Spanten und Trierarchen

Ein Besuch im Museum für Antike Schiffahrt in Mainz


Blick auf die große Halle; in der Bildmitte Nachbau Nummer I.

 


Große farbige Bildtafeln veranschaulichen das Trachten und Treiben in einer römischen Flusswerft.
 

Ein Ausschnitt (Kopie) der Trajanssäule in Rom.

Angehörige meiner Generation verdanken ihre ersten Kenntnisse über das Leben im Römischen Reich oft den Comics-Abenteuern von Asterix und Obelix. Dieser etwas „naive“ Eindruck vom hohen Stand römischer Zivilisation weicht irgendwann dem Staunen des Erwachsenen darüber, was „die im alten Rom“ schon alles kannten und wussten. Es ist in der Tat beachtlich, wie viel technisches Wissen bereits in der Antike vorhanden war, und das gilt auch für die Schifffahrt. Nautische Positionsbestimmung und Schiffe „vom Fließband“ – für die Römer offenbar kein (allzu) großes Problem. Wer’s nicht glaubt, es aber besser wissen möchte, der kann dem „Museum für antike Schiffahrt“ in Mainz einen Besuch abstatten. Dort erwarten den Interessierten originale Teile von fünf römischen Schiffen, die 1981 und ‘82 bei Ausschachtungsarbeiten in Mainz entdeckt worden waren, zwei komplette Nachbauten römischer Flussschiffe und viele anschauliche Modelle – ergänzt von Schautafeln und Fundstücken von Säulen und Reliefs, die die Bedeutung der Seefahrt für das alte Rom illustrieren.

 


Das 1:10-Modell eines großen römischen Lastkahns.
 

Da schlägt Modellbauers Herz gleich höher: Wasserlinienrisse und Längsansichten römischer Militärschiffe.
 
Der Besucher ist zunächst von zweierlei überrascht: zum einen davon, dass er keinen Eintritt zu zahlen braucht, zweitens davon, dass er keinen verwinkelten, gar muffigen Museumsbau betritt, sondern offenbar ein ehemaliges Fabrikgebäude, das so umgestaltet wurde, dass sehr viel Tageslicht von oben auf die Exponate fällt, wodurch sich das Blitzlicht beim Fotografieren nahezu erübrigt.

Dominiert wird die weite, lichte Halle von den Nachbauten I und II, die einen realistischen Eindruck von der Größe und Bauart römischer Flussschiffe vermitteln. Beim Nachbau I handelt es sich um ein 21,6 m langes, in der Mitte 2,79 m breites Ruderschiff, das von der Unterkante des Kiels bis zur Oberkante der Ruderauflagen nur 96 cm misst. Bei voller Beladung tauchte das Vorbild gerade einmal 0,4 m tief ins Wasser ein, so dass die Stevenspitze normalerweise immer etwas aus dem Wasser heraus ragte. Das Schiff wurde von 32 Ruderern angetrieben, 16 hintereinander auf jeder Seite. Das nicht mittschiffs, sondern mehr zum Bug hin angeordnete Segel wurde von zwei Männern bedient. Diese saßen achtern, auf den beiden Duchten (Sitzbänken), unmittelbar vor der Steuerungsanlage.

Nachbau II ist noch nicht ganz fertig gestellt. Er gibt den zweiten Typ spätantiker Kriegsschiffe wieder – höher als der erste Typ und bei einer Länge von nur 17,5 m 3,7 m breit. Dieses Schiff konnte ebenfalls sowohl gerudert als auch gesegelt werden; maximal 18 Ruderer kamen zum Einsatz. Auf einer mittschiffs angeordneten Plattform befanden sich Pfeilgeschütze. Vermutlich wurde dieser Schiffstyp auf Patrouillenfahrten eingesetzt.

Der Frage, wie die Römer ihre (Fluss-)Schiffe bauten, wird im „Museum für Antike Schiffahrt“ ausführlich nachgegangen. Reliefskizzen, Wasserlinienrisse, Fundstücke und ausführliche Texttafeln zu alledem erklären dem Besucher die Einzelheiten der im Mainzer Untergrund gefundenen Schiffe. Die Stichworte sind dabei: Bauplan, Mallenbauweise, Schäftungen, Totgang, Bug, Heck, Spanten, Mastspant, Inneneinbauten, Ruderantrieb, Steuerungsanlage, Werkzeugspuren und Flickungen. Apropos, Mallenbauweise: Dass es eine Skelett- und eine Schalenbauweise gibt, das wusste der Verfasser dieses Berichts schon. Aber was sind „Mallen“? Nun, die Römer waren bekanntlich nicht auf den Kopf gefallen und dem Geldverdienen auch nicht abgeneigt, deshalb ersannen ihre Schiffsbaumeister eine Methode, mit der sie den Bau von Schiffen gewissermaßen typisieren und damit beschleunigen konnten. Dazu dienten die Mallen, die nichts anderes waren als gerüstartige Hilfsspanten, um die herum man die Rumpfschale erstellte. Waren die Spanten angebracht, entfernte man die Mallen und verwendete sie sogleich für das nächste Schiff. Ist das vielleicht auch eine Idee für uns Schiffsmodellbauer?

Wussten Sie übrigens, dass Ihnen als „Triararchus“, als nautischer Kommandant eines „kleineren Schiffes“ 14.400 Sesterzen zustehen? Jedenfalls verrät das „Museum für Antike Schiffahrt“ auch einiges über das Besoldungswesen in der römischen Seefahrt, ebenso über die Organisation und die geographische Verteilung der Flotten („classici“) vom „Mare Nostrum“ (Mittelmeer) bis nach Britannien.


In einer für den Besucher einsehbaren Werkstatt arbeiten ABM-bezahlte
„Schiffsmodellbauer“ an weiteren Modellen für das Museum.

Wenn Sie nun die Neugier gepackt hat und Sie der römischen Schifffahrt in Mainz Ihre Referenz erweisen wollen, dann sei der Weg zum Museum kurz beschrieben. Mainz, die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, ist verkehrstechnisch gut erschlossen, d. h. mit dem Auto wie mit der Bahn gut zu erreichen. Das „Museum für Antike Schiffahrt“ liegt in Sichtweite des Südbahnhofes in Mainz. Vom Hauptbahnhof, wo es sich auch gut parken lässt (Parkhaus), kann man das kurze Stück mit der S-Bahn bis Mainz-Süd fahren. Von dort sind es nur fünf Minuten bis zum Museum. Hier die vollständige Anschrift:

Museum für Antike Schiffahrt
Neutorstraße 2B
55116 Mainz
Tel. 0 61 31/2 86 63-0
Geöffnet täglich außer montags, 10–18 Uhr

Frank Kind