Zum Shop

„Combi-Lünette"

Donnerstag, 15.07.2021 von Herwig Lorenz „Combi-Lünette"

Selbst gebaut am Beispiel der Wabeco D6000

 

Warum Combi-Lünette?

Fangen wir von vorne an. Nachdem ich meine fast 60 Jahre alte, vor unendlicher Zeit vor der Verschrottung gerettete Emco Maximat Drehbank wegen Altersschwäche (es mangelte ihr zusehends an Genauigkeit) auf die Reservebank schicken musste, kam vor vier Jahren als strahlende Neuheit eine Wabeco D6000 ins Haus. Eine wunderschöne Maschine, die leider auch ihren Preis hatte. Deshalb sparte ich mir unter anderem die Anschaffung der mit angebotenen Steh- und Mitlauflünetten. Frei nach dem Grundsatz, was ich bisher nicht brauchte, werde ich auch in Zukunft nicht brauchen.

Leider war das eine grundlegende Fehleinschätzung meinerseits. Denn mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Projekt steigen die eigenen Fähigkeiten und die Ideen werden immer kühner. Jeder Modelbauer kennt dieses Phänomen. Bis dann bei der Realisierung der Achsen eines allradgetriebenen LKWs der Punkt kam, wo eine Bearbeitung ohne Gefährdung von Leib und Werkstück nur noch mit Hilfe einer Lünette zu bewerkstelligen war.

Nun hätte ich natürlich diese fehlende(n) Lünette(n) kaufen können. Das Internet ist voll von Angeboten zu vergleichsweise günstigen Preisen für die unterschiedlichsten Drehmaschinen. Leider nicht für meine Wabeco D 6000. Und bei Wabeco gibt es die passenden Lünetten nicht zum Schnäppchenpreis.

Aber getreu meinem Grundsatz, nichts zu kaufen, was sich mit vertretbarem Aufwand auch selbst machen lässt (auch wenn das aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht immer nachvollziehbar ist....), sollte dieses fehlende Hilfsmittel eben auch in eigener Werkstatt entstehen. Das hat einerseits den Vorteil, dass das so gesparte Geld in Form von z.B. Kugellagern, Schrauben, Halbzeugen oder Elektronikbauteilen direkt in das aktuelle Projekt fließen kann. Andererseits ergibt sich dadurch die Möglichkeit, das Produkt – hier die Lünette(n) – nach den eigenen Erfordernissen und außerdem pfiffiger zu gestalten. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist die im Folgenden beschriebene Combilünette, die Stehlünette (Setzstock) und Mitlauflünette vereint.

 

Und das ist das Ergebnis

Bild 01 zeigt die fertige Lünette mit dem zusätzlich angeschraubten Unterteil als Setzstock. Das „Unterteil" wird direkt auf das Maschinenbett geklemmt und darauf das „Oberteil" mit zwei Schrauben befestigt. Dabei steht das „Oberteil" etwa 0,5 mm höher als in der Variante Mitlauflünette, damit das „Oberteil" nicht mit den Befestigungspunkten der Drehbank in der Version Mitlauflünette kollidiert. Dadurch kann der Maschinensupport dicht an die Lünette heranfahren.

In der Variante als Mitlauflünette wird das Oberteil direkt auf dem Support unter Verwendung vorhandener Gewindebohrungen festgeschraubt und läuft so mit dem Support mit. Die um ca. 0,5 mm tiefere Position der Lünettenmitte wird beim Einstellen der Stützrollen kompensiert.

Bild 02 zeigt die einbaufertigen Einzelteile. Die zwei Bauteile des „Unterteils" sind vorne zu sehen.

 

Die einzelnen Bauteile und Funktionen

Die Konstruktionszeichnung zeigt die Teile im Einzelnen mit ihren Maßen. Wobei die Maße diejenigen sind, nach denen ich gebaut habe (bzw. die ich an den gefertigten Bauteilen gemessen habe). Diese können natürlich beliebig geändert werden bis auf die Maße, die der Wabeco D6000 Maschine entsprechen. Diese Maße sind in der Zeichnung mit „für Wabeco" gekennzeichnet. Für andere Drehmaschinen müssen diese Maße (Maschinenbett und Spindelhöhe) an der entsprechenden Maschine ermittelt und angepasst werden.

Die Lünette besteht im Hauptteil aus dem Halter (Teile 1und 2) und den drei einstellbaren Stützbacken (Teile 3 und 4), die zur Vermeidung von hoher Reibung mit dem Werkstück mit kugelgelagerten Stützrollen versehen sind.

Ich habe bewusst Stützrollen anstelle von Gleitsteinen eingesetzt, um auch Werkstücke aus Aluminium bearbeiten zu können. Und mit Gleitlagerungen von Aluminium habe ich oft schlechte Erfahrungen gemacht.

Bei der Verwendung als Stehlünette (Setzstock) wird ein Zwischenstück (Teile 5 und 6) auf dem Drehbankbett als Ausgleich der Höhe zum Supportschlitten befestigt und darauf das Oberteil (Teil 1 und 2) festgeschraubt.

Natürlich ist die Belastung beim Drehen mit der Mitlauflünette anders als beim Setzstock. Denn hier werden ja nur zwei Stützrollen eingesetzt.

Ich habe deshalb die Position der oberen Stützbacke um 15° „nach vorne" versetzt, um neben der Abstützung von oben eine kleine horizontale Druckkomponente von der oberen Stützrolle zu realisieren. Ob das funktionsentscheidend ist glaube ich nicht, mir kam das aber von der Verteilung der Kräfte bei der Verwendung als Mitlauflünette sinnvoller vor. Die zwei anderen Stützrollen orientieren sich an dieser Position im 120°-Winkel.

Die Bilder 03 und 04 zeigen den Einsatz als Mitlauflünette. Die Stützrollen sind hier auf der Reitstockseite der zwei Rollenhalter montiert, um besser mit dem Drehstahl an die Abstützung heran zu kommen. So ist das Längsdrehen von Teilen mit unsauberer Oberfläche möglich, weil die Abstützung direkt im schon bearbeiteten Bereich erfolgen kann.

Übrigens erlaubt die Anordnung der Stützrollen in der Lünette einen Abstützbereich von 3,5 bis ca. 70 mm Durchmesser. Wenn es sein muss, geht es auch noch kleiner, wenn in der Funktion als Mitlauflünette die zwei Stützrollen wechselweise an den Stützen montiert werden.

Bild 05 zeigt den Einsatz als Setzstock beim Aufbohren/Aufreiben eines Hinterachsgehäuses. Hier sind die Stützrollen futterseitig angebracht, um Platz zu haben für die folgende Bearbeitung der Achsenden. Dazu kann der Reitstock noch etwa 40 mm unter die Lünettenhalterung (das lange Stück Flachaluminium) fahren.

 

Zusammenfassung

Die „Combi-Lünette" hat meine Erwartungen und Ansprüche bisher voll erfüllt. Die Kosten für die:

• 3 Kugellager 626Z

• 3 Inbusschrauben M5×30

• 7 M8 Schrauben unterschiedlicher Länge

• eine M8 Gewindestange

• 5 M8 Muttern

• ein paar Unterlegscheiben

liegen bei etwa 6,00 €.

Dazu kommen die geschätzten Kosten der Alustücke aus dem Schrott von ca. 10,00 € und ein Stück 10-mm-Automatenstahl aus der Restekiste. (Das ist hier praktisch schon die Stückliste).

Obwohl alle Bauteile sehr einfach gehalten sind, ist die Anfertigung insgesamt aber nicht an nur einem Nachmittag gemacht. Deshalb muss jeder seine eigene Kalkulation machen und sich zwischen Kauf oder Selbstbau entscheiden.

Kritisch bin ich trotzdem mit meinem Machwerk. So würde ich bei einer „Neuauflage" nicht nur 10 mm dicke Aluplatten verwenden (die hatte ich vorrätig), sondern 12 bis 15 mm dicke Platten. Das gibt mehr Stabilität, wenn doch mal ein dickerer Span angesetzt werden soll. Ich kann bei Bedarf die Steifigkeit meiner Lünette aber erhöhen, wenn zwischen die beiden 5-mm-Bohrungen an der offenen Lünettenseite eine Verstärkung angeschraubt wird. (Diese Bohrungen fehlen noch in den Bildern 03 und 04)

Zurück zur Übersicht