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Montag, 29.03.2021 Jugendarbeit und Wurfgleiter

 

Jugendleiter Thomas Stier berichtet im Rahmen des FMT-Förderprogramms über seine Arbeit beim MFG Aspach e.V. und die Faszination des Wurfgleiters im Mittelpunkt seiner Jugendarbeit.

 

Und was macht ihr so mit den Kindern?

Etwa Wurfgleiter basteln?, so oder so ähnlich beginnen manche Gespräche über unsere Jugendarbeit. Meist begleitet von einem nachsichtigen Lächeln des erfahrenen Modellfliegers. Deshalb beginne ich direkt mit der Ehrenrettung des Wurfgleiters. Egal ob aus Balsa, Styropor oder EPP: den Jüngsten machen die Dinger eine Menge Spaß. Unser Verein verwendet sie sowohl aus EPP wie bei unseren Ferienprogrammen als auch aus Balsa wie bei unserem Kooperationsprojekt mit der ansässigen Schule.

Mit Wurfgleitern kann man prima erklären, aus welchen Hauptbestandteilen so ein Flugzeug besteht, warum es überhaupt fliegt und an welchen Schrauben man drehen muss, damit es anders oder besser fliegt. So ist für viele Kinder bei der Schulkooperation das der erste Kontakt mit Holz, Kleber, Schleifpapier und dem Lesen eines Bauplans. Hierzu verwenden wir zur Anschauung gerne das Modell Lilienthal von Aero-naut. Aber fangen wir von vorne an…

....der Wurfgleiter im Rampenlicht

Obwohl der Wurfgleiter oftmals den Ruf hat, belächelt zu werden, stand bei uns 2020 so mancher Jugendabend sogar zur Gänze im Zeichen des Wurfgleiters. FMT-Autor Wolfgang Werling wird es sicher gerne hören, dass ein paar Jungs durch ihn inspiriert wurden, die Lidl- oder Aldi-Wurfgleiter mit Servos und Fernsteuerungen auszurüsten, um sie dann auf Höhe zu bringen – bevorzugt mit einem Twinstar oder Huckepack. Das war so unglaublich toll, dass an diesen Abenden die Schleppmaschine und die Segler arbeitslos dastanden, während alle Jugendliche damit beschäftigt waren, ein ihre Flieger im Wert von jeweils ein paar Euro weiter zu modden (modifizieren). Man muss dann nur als Jugendleiter ein wenig darauf achten, dass bei der Gaudi die Flugsicherheit nicht zu kurz kommt.

Aber – und das ist wichtig – Spaß muss sein! Bierernst und verbissen kann man keine jungen Menschen für unser Hobby begeistern. Das Grinsen auf den Gesichtern meiner Jugendlichen bricht noch einen Stab für den guten, alten Wurfgleiter – denke ich zumindest. Im 21. Jahrhundert ist allerdings insgesamt der Sex-Appeal des Wurfgleiters für junge Menschen eher begrenzt. Nach der ersten Begeisterung, dass da was fliegt, kommt schnell die Erkenntnis, dass die Dinger weder digital sind noch auf Instagram oder YouTube große Begeisterung auslösen.

Ein breites Angebot

Also legten wir nach: Wer mag kann bei uns mit einem Elektrosegler sowie modernen Lehrer/Schüler-Anlagen das Fliegen lernen. Und natürlich haben wir auch unsere Flugvideos auf YouTube. So wird der Appetit auf MEHR gleich auch digital geweckt. Zudem nutzen wir inzwischen auch das Modellflugabzeichen des DMFV, um zu motivieren. Wer bei uns fliegen gelernt hat, darf unverbindlich und kostenlos Mitglied werden, sobald er oder sie einen Elektrosegler selbständig starten, fliegen und landen kann.

Und ja, richtig gelesen: DARF. Es hat sich nämlich bewährt, nicht gleich jeden Interessenten aufzunehmen. Wir warten erstmal ab, ob er oder sie das nötige Talent und vor allem die Begeisterung mitbringt. Das schützt vor Frust und unnötigen Investitionen der Eltern. Das Modellfliegerabzeichen in Bronze hat in etwa dieselben Anforderungen, wie bei uns Mitglied zu werden.

Auch haben wir beobachten können, dass die Urkunde und das Abzeichen die „Neuen“ sehr stolz machen. Das weckt meist den Ehrgeiz, die folgenden Abzeichen ebenfalls zu absolvieren.

Was macht ihr mit den Kindern so?

Die Ausgangsfrage vom Beginn meines Beitrags ist völlig falsch gestellt. Nachdem wir ihnen das Fliegen mit dem Elektrosegler beigebracht haben, geht es (zumindest fliegerisch) gar nicht mehr darum, was wir mit den Kindern und Jugendlichen machen. Wir unterstützen, helfen und beraten. Und manchmal trösten wir auch, wenn der erste Absturz zu verarbeiten ist. Wir organisieren Grillfeste und Zeltlager und viele andere Aktivitäten.

Und wenn der Groschen mal gefallen und das Feuer entfacht ist, entwickeln sich die fliegerischen Fähigkeiten meist explosionsartig. Dann kommen in schneller Folge der Hochdecker und die Landung auf Rädern – denn es muss immer schneller. Größer und aufregender werden.

Meine Erfahrung: Je mehr Erfolgserlebnisse vorhanden sind, desto schneller ist die Entwicklung. Dabei motivieren sich die Jugendlichen meistens gegenseitig. So gab es, nachdem die ersten angefangen hatten zu schleppen, bald eine ganze Gruppe, die das auch machen wollte. Und als ein fetziger, bezahlbarer Impeller-Jet auftauchte, fanden sich hier auch gleich Mitstreiter. Hier wird die Gruppendynamik gut deutlich: Jugendarbeit mit nur ein oder zwei Jugendlichen ist äußerst mühsam. Denn es wird Kindern und Jugendlichen keinen Spaß machen, am Sonntagnachmittag mit ein paar alten Männern auf dem Flugplatz zu sitzen.

Die Jugendarbeit ist viel einfacher und hat bessere Aussichten auf Erfolg, wenn mehrere junge Menschen zusammen sind. Aber wohl gemerkt: Immer mit dem Selbstverständnis, Teil des Ganzen zu sein – dem Verein mit allen seinen Altersgruppen und Interessen.

Was uns hilft

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir zum zweiten Mal in Folge in das FMT-Jugendförderprogramm aufgenommen wurden. Das hilft immens bei der Beschaffung von Modellen und Komponenten. Und auch der Support bei Reparaturen nach Abstürzen oder allgemeinen Defekten, war bisher einfach fantastisch. An dieser Stelle daher vielen, vielen Dank an die Unterstützer und Förderer der FMT-Jugendförderung: Ihr helft uns und unserem Nachwuchs enorm!

Aber nicht nur die Förderung hilft beim Einstieg und Aufstieg in der Modellfliegerei. Auch „Erbschaften“ spielen dabei eine Rolle. Viele Modellflieger haben nach langen Jahren im Hobby einen vollen Hangar und können oder wollen nicht mehr selbst fliegen. Allein im letzten Jahr haben wir zweimal Modelle und Materialien bekommen, mit welchen sich unser Nachwuchs so manchen Traum erfüllen konnte. Auf einmal sind dadurch Drei- oder Vier-Meter-Segler in Reichweite, die sonst weit jenseits des Taschengeldbudgets angesiedelt sind.

2020 kam auch die Nachfrage, warum wir im Rahmen der Jugendförderung so viele Teile und Komponenten für Großmodelle bestellen. Nun, die Antwort ist einfach: weil in unserem Verein die Jugendlichen die größten Flieger haben! Speziell die Kunstflieger und die Akrosegler brauchen Servos mit hoher Präzision, steife sowie spielfreie Anlenkungen und hochwertige Sender und Empfänger. In den Kunstflugmaschinen arbeiten kräftige Verbrenner und für die Show ist natürlich auch die Smoke-Pumpe Pflicht. Und auch für die Flugzeuge aus den „Erbschaften“ wird so einiges gebraucht. Oft sind die Servos, Regler, Motoren oder Akkus dieser Modelle nicht mehr zeitgemäß oder defekt und müssen dann ersetzt werden.

 

Der Weg ist das Ziel

Girls Fly Gruppe des MFG Aspach e.V.Aber warum machen wir das alles, treiben den Aufwand und bringen so viel Zeit, Geduld und Geld in die Jugendarbeit ein? Nun, was mit einem Wurfgleiter anfängt, endet mit einem sehr langfristigen Ziel: dass die Kinder und Jugendlichen, wenn sie volljährig sind, immer noch unserem Hobby treu bleiben und sich als Erwachsene in unserem Verein aktiv engagieren.

Denn nur wenn wir effektiv für Nachwuchs sorgen, bleibt es uns erspart, dass die Vereine zuerst überaltern und dann irgendwann aussterben. Und noch was muss erwähnt werden: Junge Menschen bringen frischen Wind und viel Spaß in den Verein. Denn wie heißt es so schön: Der Weg ist das Ziel – und das gilt insbesondere bei der Jugendförderung im Flugmodellbau.

Und Corona?

Unser Vorstand hat ein gutes und schlüssiges Hygienekonzept ausgearbeitet. Zudem hatten wir das Glück, dass mit der Zustimmung des Ordnungsamts unser Flugbetrieb bereits im April 2020 wieder aufgenommen werden konnte. Man sieht, Modellflug kann Abstand – auch wenn das die Jugendarbeit nicht gerade einfacher macht.

Andererseits hatten wir das Privileg überhaupt etwas anbieten zu können, und das war vielen anderen Sportarten und Hobbys nicht möglich. Aus diesem Grund war unser Jugendabend den Sommer über sehr gut besucht – und zwar so gut, dass wir mit vier Fluglehrern teilweise an unsere Grenzen stießen.

Aber natürlich gab es durch Corona auch bei uns schmerzhafte Einschnitte: Die DMFV-Jugendmeisterschaften vielen aus, das Ferienprogramm ging nicht, unser Flug-Fest fiel aus und das Zeltlager auf dem Flugplatz mussten wir auch abblasen. Im Winter konnten wir natürlich auch keinerlei Bauprojekte anbieten. Und am schwerwiegendsten: Kein Hallenfliegen über die Wintermonate.

Für viele Kinder, die im letzten Sommer bei uns Fliegen lernten, bedeutet das vor allem: Wenn der Flugplatz wieder öffnet, müssen sie fast wieder von vorne anfangen mit dem Flugtraining. Natürlich weiß ich auch, dass manche von ihnen aus diesem Grund vielleicht nicht wiederkommen.

Aber wir sind und bleiben Optimisten! Corona wird vorbeigehen, wir werden wieder unserem Hobby frönen und es wird auch wieder Nachwuchs auf den Flugplatz kommen, den das Modellfliegen fasziniert. Und klar, dann bauen wir zuerst mal einen Wurfgleiter…

Autor: Thomas Stier

Beitrag: aus FMT 04/2021

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